Selbstführung: sokratisch oder sophistisch?

Eine notwendige Unterscheidung

Unter „Selbstführung“ werden heute bei näherer Hinsicht zwei verschiedene Dinge verstanden. Zum Einen so etwas wie „Selbstoptimierung“, d. h. quantitative Leistungssteigerung, deren Ziele undiskutiert dem neoliberalen Denkmuster entnommen werden. Davon zu unterscheiden ist eine Art von Selbstführung, bei der der Einzelne auch die Zielrichtung seines Handelns bewusst bestimmt (Selbstorientierung). Der unterschiedliche Charakter dieser beiden Arten der Selbstführung wird erläutert als Konsequenz einer Weichenstellung des europäischen Denkens im 5. Jahrhundert v. Chr. zwischen der sokratischen und der sophistischen Denkrichtung.

Vor diesem Hintergrund differenziert und erörtert Karl-Martin Dietz die beiden heute geltenden Auffassungen von „Selbstführung“ in seinem Aufsatz "Sokratische oder sophistische Selbstführung: eine notwendige Unterscheidung" (2020). Er untersucht die Bedeutsamkeit der beiden Denkweisen in der Gegenwart und setzt sie in Relation zur Dialogische Kultur.

Leseprobe: "Die Kontroverse"

"Die Kontroverse zwischen Sokrates und den Sophisten besteht u. a. darin, dass sich die Sophisten mit Erfahrungswissen (doxa) zufrieden geben und mit Hilfe schein-logischer und rhetorischer Verfahrensweisen „besser“, d. h. „erfolgreicher“ werden wollen als ihre Mitmenschen; dass dagegen Sokrates das „Möglichst-gut-Werden“ (arete, „Bestheit“) darin sieht, ausgehend von einem exakten Denken sein Handeln an dieser Art von „Bestheit“ auszurichten (Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit). Bei den Sophisten heiligt sozusagen der Zweck die Mittel. Bei Sokrates werden umgekehrt die Mittel, die er anwendet, „heilig“ gehalten in dem Sinne, dass sie sich nicht zu irgendeinem Nebenzweck missbrauchen lassen, sondern unmittelbar der „Wahrheit“ (aletheia) dienen. – Im griechischen Wahrheitsverständnis ist die objektive Seite („Wirklichkeit“) noch ungeschieden von der subjektiven („Wahrhaftigkeit“, „Aufrichtigkeit“).

Wie sich inzwischen zeigt, beginnt mit dieser Kontroverse im 5. Jahrhundert v. Chr. eine Weichenstellung für die weitere Geistesgeschichte. Die eine der beiden Strömungen des Denkens geht auf den persönlichen Nutzen, die andere auf Wahrheit und Wirklichkeit. Beide Strömungen sind seither nie ganz verschwunden, haben jedoch im Laufe der Geschichte immer wieder andere Formen angenommen (vgl. Dietz, 2019, S. 102-104). Die beiden Positionen sind, so scheint mir, im heutigen Diskurs der „Selbstführung“ wiederzuentdecken, und zwar mit frappierender Ähnlichkeit zu damals."

Dietz, Karl-Martin, Sokratische oder sophistische Selbstführung - eine notwendige Unterscheidung, MENON 2020