Selbstführung

Selbstoptimierung oder Selbstorientierung?

Wenn das Wort „Selbstführung“ auftaucht, ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten. Es bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch mit demselben Wort zwei Dinge, die der Sache nach gut unterschieden werden müssen: Selbstoptimierung und Selbstorientierung.

Selbstführung als Selbstoptimierung

Mit der prinzipiellen Trennung von Denken und Handeln, Verwaltung und Produktion, Planung und Durchführung (F.W. Taylor 1911) begann vor mehr als 100 Jahren das moderne Management. Denken hatte fortan in der Produktion nichts mehr zu suchen. Der Arbeiter wurde wie eine roboterähnliche Maschine zur Herstellung standardisierter Produkte eingesetzt. Zusammen mit der Erfindung des Fließbandes (H. Ford 1911) entstand daraus der (vorläufige) Siegeszug der industriellen Massenproduktion mit den bekannten Nebenwirkungen: Die arbeitenden Menschen entfremden sich ihrer Arbeit, zunehmende Komplexität der Verhältnisse erschwert den eigenständigen Durchblick und auf allen Seiten führt Sinnleere zu erheblichem Leidensdruck bis hin zu Depression und Burnout, die seit vielen Jahren ständig zunehmen. Führung belässt es in der Regel bei dem Versuch, die Folgen durch humanisierende Maßnahmen (z. B. kooperativer Führungsstil) abzumildern, ohne doch ihr traditionelles Grundprinzip (Anweisung und Kontrolle) infrage zu stellen. Was heute oft als „Selbstführung“ bezeichnet wird, ist eine lineare Fortsetzung dieser Entwicklung.

Wird „Selbstführung“, als „Selbstoptimierung“ verstanden, dann bedeutet sie im gleichen Sinne Unterwerfung unter vorgegebene Zielsetzungen. Beispiele: „Selbstvermessung“ (quantified life), „Lebenslanges Lernen“ , „Kompetenzmessung“. Hier ist „Selbstführung“ so verstanden, dass die Betreffenden die „Optimierung“ ihrer Fähigkeiten selbst betreiben ohne von außen dazu angestoßen werden zu müssen. Sie verlassen jedoch nicht die Vorgabe von Zwecksetzungen meist neoliberalen Ursprungs, „besser“; d.h. erfolgreicher zu sein als andere. Der Kollege als Konkurrent. Karriere als Wettlauf mit den Kollegen. Arbeiten unter dem Leitbild des intelligenten Egozentrikers (homo oeconomicus). 


Selbstführung als Selbstorientierung

Selbstführung als Selbstorientierung baut auf die Frage auf, worauf das Handeln abzielen soll und schließt die Frage ein, wohin sie überhaupt führen soll. Bei der Selbstoptimierung wird diese Frage nicht gestellt. Die Ziele bleiben unhinterfragt, im neoliberalen Verständnis. Im Sinne der Selbstorientierung bedarf es einer klaren Unterscheidung, ob mein Denken und Handeln also nur dem eigenen Wohl dient, oder es ein Handeln im Sinne des Ganzen ist ein Ganzes, an dem Viele mitwirken (Unternehmen, Gesellschaft, Erde, ...). Dies erfordert eine Umwendung des Denkens von galileischem Ausmaß und bedarf einer selbstkritischen Besinnung, wie man selbst überhaupt dort hin kommen kann. Sehe ich mich kognitiv, emotional und voluntativ in der Lage, Verwandlungen anzustoßen? Stehen mir meine eigenen Vorstellungen im Weg? Kann ich meine Gefühle mitnehmen oder hängen sie immer noch am Alten? Wie gelingt es mir, das, was ich neu denke, dann auch zu tun?

Selbstführung im Sinne der Dialogischen Kultur läuft auf eine grundlegende Transformation hinaus, die nicht durch einen Verhaltenskodex zu ersetzen ist, wie etwa: „auf Augenhöhe“ zu verkehren, sich nach den Regeln der „Achtsamkeit“ zu verhalten oder gendergerecht zu sprechen. Bei der Selbstoptimierung werden Richtungen und Zielsetzungen nicht reflektiert. Sie bleiben die gewohnten. Selbstführung, als Selbstorientierung verstanden, „stellt mich hingegen vor allem vor die Aufgabe, die ohnehin kein anderer für mich leisten kann: meine kognitiven, emotionalen und voluntativen Besetztheiten zu durchschauen und weitestmöglich abzubauen“. Schon bei der Arbeit daran verstärkt sich „der eigenständige Blick auf die Sachverhalte, der unvoreingenommene Umgang mit den anderen Menschen, die geistesgegenwärtige Empfänglichkeit gegenüber der Zukunft und der Mut zur Verantwortung.“ (K.-M. Dietz,  A. Sandtmann, „Eigenständig im Sinne des Ganzen“, Heidelberg 2019, S.16f.)
 In der Dialogischen Kultur arbeiten Menschen zusammen in der Bemühung, es nicht beim intelligenten Egoisten zu belassen, sondern Selbstführung als Selbstorientierung zu praktizieren.