Genese der Dialogischen Führung

"Auf unsere Nachfrage, was wir denn für die Mitarbeiter des Unternehmens tun könnten, war die Antwort so "klar" wie gleichzeitig "nicht klar":
Das müssen Sie schon selbst herausfinden!"

Karl-Martin Dietz

Bei der Entstehung der Dialogischen Kultur kamen verschiedene Elemente zusammen: ein spezifisches Forschungsinteresse und Erfahrungen im Hardenberg Institut (gegründet 1978 in freier Trägerschaft) hinsichtlich ohne Direktion geführter Kultur- und Bildungseinrichtungen einerseits und einer konkreten Anfrage von einem Wirtschaftsunternehmen andererseits. Dass sich aus diesen Elementen das entwickelt hat, was heute die Dialogische Führung bzw. Dialogischen Kultur ist, wusste damals keiner.

Wirtschaft trifft auf geisteswissenschaftliche Forschung

Zum einen wurde im Hardenberg Institut dem damals auffällig werdenden Umschwung des Denkens und seiner Auswirkungen auf die Gesellschaft nachgegangen (u.a. Die Suche nach Wirklichkeit). In diesem Zusammenhang entstand bei Götz W. Werner, dem Gründer und Chef der dm drogeriemarkt-Kette, im Zuge einer beabsichtigten Umstrukturierung des Unternehmens die Frage an das Institut, wie weit die übliche Fremdführung durch „Vorgesetzte“ ganz oder teilweise durch zunehmend eigenverantwortliches Handeln der Mitarbeiter reduziert oder gar ersetzt werden könnte. Im Institut gab es zu diesem Zeitpunkt bereits eine Reihe an Vorarbeiten und Erfahrungen hinsichtlich ohne Direktion geführter Kultur- und Bildungseinrichtungen. So ist, immer wieder auch im Zusammenhang mit interessierten Unternehmensmitarbeitern, ein Konzept entstanden, das zunächst als „Dialogische Führung“ bezeichnet wurde , bald auch als „Dialogische Unternehmenskultur“.

Der gesamte Charakter der Zusammenarbeit verändert sich

Denn in Folge der dialogischen Gesichtspunkte ändert sich der gesamte Charakter der Zusammenarbeit im Unternehmen, z.B. ersetzt Aufrichtigkeit im Umgang miteinander das übliche Karriereverhalten, Menschenwürde tritt an die Stelle von wechselseitiger Manipulation, die Einzelnen gestalten und verantworten ihre Arbeit zunehmend selbst. Da diese Kultur nicht auf Wirtschaftsunternehmen beschränkt ist, wird auch von „Dialogischer Kultur“ ganz allgemein gesprochen. Die erste zusammenfassende Publikation erschien 1998 (Dialog – Die Kunst der Zusammenarbeit).

Im Laufe der Zeit wuchs die Zahl der Unternehmen, die in den herkömmlichen Führungsformen nicht die Zukunft sehen und sich deshalb für eine kooperative Selbstführung im Sinne der Dialogischen Kultur interessieren. Unter „Dialog“ wird dabei durchaus nicht nur eine Sprechweise verstanden, sondern eine bereits lang bekannte Art zu denken.

"Dialog" - Übel und Lösung zugleich?

Das Wort „Dialog“ löste zunächst bei manchen Menschen unzutreffende Vorstellungen aus. Die einen meinen, es gehe im Wesentlichen um ein Hin-und-her-Reden – solange, bis alle selig unter den Tisch sinken. Oder aber: „Dialog“ betreffe die Art der Gesprächsform im Unternehmen. Oder auch: „Dialogisch“ sei auf jeden Fall „menschlich“ im Unterschied zu dem Führungsverhalten, das sonst in manchen Unternehmen üblich sein mag. Alles dies ist in der Dialogischen Kultur jedoch eher Folge von etwas anderem: Wenn die Zusammenarbeit immer weniger auf Vorgaben „von oben“ und immer mehr auf Eigenständigkeit der Beteiligten beruht, dann ändert sich auch die Art, wie man miteinander redet. Was früher durch „Anweisungen“ (und der daraus konsequent folgenden „Kontrolle“) geschehen musste, ist nun in anderer Form zu leisten. Je mehr sich die Beteiligten eine eigene Einsicht in das Ganze zutrauen und ermöglichen, ändert sich auch die Art der Zusammenarbeit: Sie basiert dann auf Selbstführung.