Zur Aktualität des Dialogischen I

Karl-Martin Dietz im Gespräch mit Angelika Sandtmann
Dezember 2016

Angelika Sandtmann | Kürzlich war in den KONTUREN zu lesen, dass vor 20 Jahren noch nicht zu ahnen war, welche Aktualität heute im Dialogischen Ansatz liegen würde. Worin liegt diese besondere Aktualität heute?

Karl-Martin Dietz | Es war damals so, dass die festen Vorstellungen darüber, wie etwas auszusehen hätte, allmählich wegbrachen. Inzwischen ist deutlicher, was da eigentlich los ist. Man muss nur mal zurückdenken an den Wahlkampf in den USA, den wir über uns ergehen lassen durften. Wer wissen will, was Dialog in unserem Sinne ist, der kann das da ablesen: es ist genau das Gegenteil! Im Dialog geht es um Achtung vor dem anderen Menschen, es geht um Zuwendung zu dem anderen Menschen. Beim amerikanischen Wahlkampf war genau das Gegenteil der Fall: Man machte die anderen Menschen schlecht, man achtete sie auch nicht als Individuen, sondern sprach von „die Mexikaner“, „die Europäer“, „die Frauen“. Von Vertrauensbildung war da keine Spur, nicht nur keine Spur, sondern aktiv das Gegenteil. Und es ging überhaupt nicht um die Wahrheit, sondern aktiv um das Gegenteil. Es wurden Dinge lanciert, um des Lancierens willen, die von vorneherein erkennbar nichts zu tun hatten mit der Wirklichkeit. Also etwa, dass Obama gar kein Amerikaner sei. Dieser Blödsinn ist ja schon, indem er ausgesprochen wird, durchschaubar. Es wurde auch widerlegt. Und trotzdem – das ist das Interessante in meinen Augen – vor nicht allzu langer Zeit gab es eine Umfrage im amerikanischen Volk, derzufolge immer noch eine erkleckliche Prozentzahl von Leuten der Ansicht ist, dass Obama kein Amerikaner sei. Da haben sich die Zeiten unglaublich geändert: Man geht nicht mehr auf Tatsachen aus, man weiß sogar, dass man nicht auf Tatsachen ausgeht, sondern man vertritt Lügen. Und die große Frage ist: Warum hat das Erfolg?

AS | Kannst Du Weiteres beobachten?

KMD | Ja, es gibt noch mehr. Es geht auch nicht mehr um Ideen, sondern um alte, längst erhobene, längst in der Mottenkiste eingemottete Statements wie „Amerika den Amerikanern“. Plötzlich kommt das hoch. Das ist sozusagen die Idee, die über dem Ganzen steht. Ein weiteres Moment ist das Handeln selbst. Es wird nicht eigenverantwortlich aus dem Einzelnen heraus, sondern pauschal, kollektiv, nach vorgebrachten Mustern gehandelt. Das fand ich sehr bemerkenswert, weil das genau das Gegenteil von dem ist, was wir mit unserem Dialog-Verständnis anstreben.

AS | Die Aktualität besteht in diesem Fall also gerade darin, dass das Gegenteil einer Dialogischen Haltung in der Welt zu erleben ist. Siehst Du aber auch das Umgekehrte? Gibt es aktuelle Entwicklungen, die in die Richtung einer Dialogischen Kultur gehen? Nehmen wir das Stichwort „Eigenverantwortung“. Die Arbeitswelt verändert sich gegenwärtig rasant. Im von der Arbeits- und Sozialministerin Nahles gerade herausgegebenen Weißbuch Arbeiten 4.0 wird versucht, den anstehenden Veränderungen Rechnung zu tragen. In diesem Kontext hat die Beschäftigungsforscherin Jutta Rump sehr deutlich gemacht, dass Eigenverantwortung ganz oben steht. In einem Interview in der Rheinzeitung sagt sie: „Wir reden heute von mobiler Arbeit, und die kann überall erledigt werden. Neue Grenzen und Kontrollen ergeben da keinen Sinn. Für das mobile Arbeiten muss ich technisch gut ausgestattet sein und ich brauche die Kompetenz zur Selbstorganisation und zum Zeitmanagement. Es geht dabei auch um die Kompetenz, achtsam mit sich selbst umzugehen.“ Und auf die Frage des Journalisten: „Der Arbeitnehmer muss also viel mehr Eigenverantwortung tragen“, antwortet sie mit einem ganz entschiedenen „Ja“. Hier nun die Frage: Eigenverantwortung ist ein ganz wichtiges Stichwort in der Dialogischen Kultur. Geht das in die Richtung, die dort auch gemeint ist?

KMD | Also ich denke, das geht in die Richtung. Es geht schon lange etwas in die Richtung. Spätestens seit den Hawthorne-Experimenten der 1920er Jahre geht etwas in die Richtung: der Einzelne muss an dem, was da gemacht, gearbeitet wird, beteiligt sein. Und das hat sich dann so ganz langsam fortgeschlichen, bis dahin, dass jetzt also von Verantwortung gesprochen wird. Meiner Erinnerung nach hat Rump aber auch geäußert, dass man das nicht staatlich regeln kann. Da kommen also ganz neue Anforderungen, auch innere Anforderungen auf uns zu. Das ist durchaus auch im Sinne der Dialogischen Kultur. Was ich aber auch gelesen habe, ist, dass mit Verantwortung gemeint ist, meine Verantwortung mir selbst gegenüber: Ich kann nicht an andere abtreten, dass sie sich um mich kümmern. Ich muss folglich selbst für mich sorgen. Das scheint mir der Haupttenor zu sein. Aber das ist ein anderer Verantwortungsbegriff als der, den wir an die Stelle setzen. Bei uns ist Verantwortung für das Ganze gemeint. Also, der Einzelne, der bisher vielleicht dafür verantwortlich war, pünktlich und gewaschen an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen, der ist, in unserem Sinne jedenfalls, dafür verantwortlich, seinen Beitrag zum Ganzen zu leisten. Also bei dem, was er tut, an das Ganze zu denken. Das ist keine Forderung an den Menschen, das muss ihm natürlich auch ermöglicht werden. Deswegen reden wir ja auch von Kultur und nicht einfach von Maßnahmen. Sprechen wir von Verantwortung, sprechen wir aber nicht primär von Verantwortung für uns selbst. Wir sprechen vielmehr davon, dass der Arbeitende das Ganze, das er da tut, an dem er sich beteiligt, mitverantwortet.

AS | Können wir das vielleicht mal an einem Beispiel verdeutlichen?

KMD | Der Einzelne hätte jetzt nicht mehr darauf zu achten, dass er einen Auftrag erfüllt. Sofern er solche Aufträge aber dann noch hat, muss er die auch erfüllen. Aber es geht immer weiter weg von solchen Aufträgen. Ich muss immer mehr auch selbst sehen, was ich in dieser oder jener Situation zu tun habe. Das kann mir gar niemand sagen, der nicht neben mir steht und die Situation kennt - gerade wenn man es mit Menschen zu tun hat wie beispielsweise im Hotelgewerbe oder in Kindertagesstätten. Ich muss es selbst bewältigen. Und dazu muss ich mich selbst in die Lage versetzen und von außen in die Lage versetzt werden, eine Situation, in der ich bin, wirklich zu durchschauen, beispielsweise im Hinblick auf Krankheitsfälle. Man weiß generell ja nicht in der Woche vorher, wer heute fehlt. Dazu muss ich aber von dem Ganzen ein Bild haben, das Ganze im Blick haben, um dann an einer bestimmten Stelle, die ich nicht vorprogrammieren kann, das Richtige zu tun. Ich muss nicht nur mein Handeln richtig machen, sondern mein Handeln im ganzen Zusammenhang richtig machen. Das ist erst mal eine kognitive Aufgabe, eine kognitive Fähigkeit. Die hatte früher der Vorgesetzte. Aber das wird immer mehr in die Verantwortung des Einzelnen gestellt, da die Situationen so differenziert sind, ja, eigentlich einmalig sind. Und dann kommt die kognitive Aufgabe hinzu, das zu durchschauen. Dazu muss man erstens vorbereitet und zweitens geistesgegenwärtig sein. Also, es sind alles schon ziemlich hohe Anforderungen, die wir da gerade auffahren. Hinzu kommt dann noch die Verantwortung, dies zu bewältigen. Wenn ich immer erst in der Zentrale rückfragen muss, dann kommt einfach nichts zustande. Ich nehme an, so etwas meinte auch Jutta Rump, wenn sie sagt: das kann nicht im Gesetz stehen. Ich füge hinzu: so etwas muss man selber wollen und können. Und dazu will die Dialogische Kultur die Gelegenheit geben, das Umfeld ermöglichen und die Beteiligten befähigen.

AS | Bleiben wir zunächst beim Einzelnen. Es wird ja auch, wenn man nochmal auf Arbeiten 4.0 Bezug nimmt, deutlicher ins Bewusstsein gehoben, dass ich mein Privatleben und Berufsleben zeitlich und örtlich nicht mehr gut trennen kann. Das ist bekannt, die Grenzen verschwimmen. Was bedeutet das für den Einzelnen, wenn er sich eigentlich von den klassischen Rollen verabschieden muss?

KMD | Da kommen, wie schon gesagt, die öffentlichen Verhältnisse noch nicht hinterher. Solange es Tarifparteien gibt und die großen Unterschiede zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestehen, kommt man aus den Rollen nicht raus. Und diese Rollen sind natürlich immer etwas, was einen auch hindert, nicht nur das Unternehmen, sondern auch den Einzelnen, denn immer mehr Tätigkeiten werden verantwortlich. Ich kenne Unternehmen, in denen „Führungskräfte“ schon sehr weit unten zu finden sind, wo die bei anderen Unternehmen noch gar nicht so genannt werden. Aber das ist richtig, denn je verantwortlicher sie an ihrer Stelle sind, desto mehr schwindet der Unterschied zu dem, was früher „Führungskräfte“ hieß. Man muss damit rechnen, dass diese Unterscheidung immer weniger wichtig wird, dass das, was man mit „Rollen“ bezeichnen kann, an Bedeutung verliert. Und das ist etwas, was bei der Dialogischen Kultur ganz radikal gemacht wird. Da geht es nicht um Rollen, da geht es nicht um Gruppen. Es gibt sie, es gibt die Verkäufer, die Kassierer, die Chauffeure nach wie vor. Aber das ist nicht mehr der große Unterschied, es geht jetzt vielmehr darum, dass der Einzelne an seinem Platz in die Lage versetzt wird, sich im Sinne des Ganzen zu betätigen.

AS | Wird das positiv aufgenommen?

KMD | Da regt sich sofort großer Protest: „Ja, das können die doch gar nicht, das wollen die doch auch gar nicht“. Und man kann tatsächlich genügend Beispiele finden, wo jemand das geradezu ablehnt. Aber da habe ich den Verdacht, dass dieses Nichtwollen, Nichtkönnen oder Ablehnen damit zusammenhängt, wie wir alle in den letzten Jahrzehnten sozialisiert worden sind. Geht man zur Arbeit, gibt man einen Teil seiner Persönlichkeit an der Garderobe ab. Hinterher nimmt man sie wieder vom Haken, zieht sie an und ist dann wieder ein richtiger Mensch. Ich habe von Extremfällen gehört, aus nächster Nähe. Da war z. B. ein Mitarbeiter, der sich an seiner Arbeitsstelle ziemlich dumm anstellte. Er tat nichts von allein, wartete immer, bis man ihm einen Schubs gab. Dieser Mann hat, kaum dass er zu Hause war, über Jahre hinweg eine Millioneninvestition beim Bau eines Sportclubhauses verantwortet. Das hat dann mal jemand gemerkt und ihm fiel der Widerspruch auf. So stark ist der Widerspruch nicht immer, aber wie oft wird im sogenannten „Privatleben“ Verantwortung übernommen und werden Dinge durchgezogen, da denkt man im Arbeitsleben überhaupt nicht dran. Mir scheint das nicht eine allgemein-menschliche Situation zu sein, sondern „Verbildung“, eine Verbildung, die wahrscheinlich sehr früh anfängt. Auf jeden Fall schon in der Schule: Man hat zu gehorchen, ob man was einsieht oder nicht. Da ist der wichtige Punkt. Sehe ich etwas ein, dann will ich es ja vielleicht auch. Ich muss da immer an Goethe denken: „Wer einsieht, der will auch“. Ich würde es umdrehen: „Wer nicht einsehen kann, der kann auch nicht wollen“. Wo soll das Wollen herkommen?

AS | Du hast jetzt gesagt, es liegt vor allem an mangelnder Einsicht durch vermutlich frühe Verbildung. Könnte es auch sein, dass man Angst hat?

KMD | Angst ist ein riesiger Faktor. Ich habe mich oft gefragt, wo sie herkommt und warum das so ist. Angst durchsetzt das ganze Berufsleben, bis in die höchsten Chargen hinauf. Warum eigentlich? Ich möchte da keine umfassende Antwort versuchen, aber jetzt kommen wir wieder auf das Erste zurück: Man ist es nicht gewöhnt, man hat es nicht geübt, Verantwortung zu tragen, für ein Ganzes, ein Großes und Ganzes. Und jetzt wird man plötzlich in diese Situation gestellt. Man soll etwas Hervorragendes leisten, hat aber immer noch den, der das beurteilt, vor Augen und stellt sich auch nicht vor, dass der vielleicht jetzt auch anders urteilt als vorher. Man hat Angst vor den Verhältnissen, die man im Kopf hat. Und im Kopf hat man das, was man gelernt hat, was man gewohnt ist oder auch, was man sich vorstellt. Man muss nur noch ein paar Mal erleben, dass es so ist, dann kommt man aus der Angst gar nicht mehr raus. Das ist mir oft begegnet, in ganz verschiedener Hinsicht. Dass Leute z. B. sagen, sie können das nicht. Das ist doch kein Wunder. Sie haben es ja auch nicht geübt, jedenfalls nicht in dem umfassenden Sinne, wie es nötig wäre. Das ist doch spätestens in der Schule schon so: Man wird ständig beurteilt, ständig schlägt irgendeine „Messmaschine“ zu. Das bleibt in den Knochen stecken, das macht natürlich Angst. Und heute gehört es zum Wesen der Arbeitswelt weitgehend noch dazu, dass man beurteilt wird, jährlich oder in kürzeren Fristen. Aber nicht alle Menschen haben Angst, ich hab auch sehr mutige kennengelernt. Die Angst kann ich aber verstehen. Man fühlt sich von Kindheit an so behandelt, so kanalisiert, dass man sich ganz schwer vorstellen mag, dass das gar nicht so sein muss.

AS | Muss man dann nicht etwas frustriert sagen, das Bemühen um eine Dialogische Kultur kommt im Erwachsenenalter eventuell zu spät?

KMD | Jetzt kann man sagen: irgendwo muss sie anfangen. Im Kindesalter kann sie das gar nicht. Es müssen Erwachsene sein, die das einbringen, die sich das als Erwachsene irgendwann klar gemacht haben. Wir müssen ja nicht die nächsten Generationen von Kindern und Jugendlichen so „undialogisch“ misshandeln wie das bis heute geschieht. Wir als Erwachsene müssen da den Anfang machen. Auf jeden Fall ist das Wort „Führung“ zu ergänzen durch das Wort „Bildung“. Denn man muss das Dialogische können, man muss es wollen und man darf keine Angst haben. Das Dialogische ist im Kern der Sache ein Bildungsgeschäft, ein Bildungsauftrag.

AS | Wie kommt ein Erwachsener dazu, sich für das Dialogische zu begeistern? Wir sprachen zunächst von Einsicht. Dann könnte es auch sein, dass ich mit äußeren Notwendigkeiten sehr hart konfrontiert werde, ich finde mich vielleicht zunächst als Opfer, befreie mich aber daraus und beginne, mich selbst zu entwickeln. Ist es möglich, dass jemand das als inneres Bedürfnis verspürt?

KMD | Ich glaube sogar, dass dieses innere Bedürfnis das Entscheidende ist. Es kommt nur manchmal nicht raus, es liegt nicht an der Oberfläche. Aber ich habe öfter erlebt, dass einer realisiert, wie etwas Dialogisch funktioniert, wenn es z. B. in einem Unternehmen bereits Dialogisch zugeht. Er bemerkt: „Ach so läuft das hier! Das ist ja eigentlich das, was mir seit Langem vorschwebt, was ich immer schon erwartet hatte“. Er hat vielleicht nie darüber gesprochen, hat es sich auch nie ganz klar gemacht, merkt aber jetzt, dass es das ist, was als Intention oder als Wunsch in ihm eigentlich liegt. Das ist mir öfter begegnet.

AS | Aber es gibt auch diejenigen, die ihre Anweisungen haben möchten.

KMD | Ja, das ist auch das Entscheidende dabei. Wenn er sagt „Ich will meine Anweisung haben“, ja, dann gebt sie ihm doch! Da habe ich auch nichts dagegen. Aber ich habe auch viele Leute kennengelernt, die zuerst sagen: „Das kann ich nicht“. Und nach kurzer Zeit waren sie begeistert davon, weil sie es eben doch konnten. Ich glaube, im Grunde ist jeder Mensch dazu in der Lage, weil jeder nach meiner Auffassung entwicklungsfähig ist, zur Selbstentwicklung fähig ist. Ich meine damit nicht Entwicklung von außen, Kanalisierung oder Instrumentalisierung, sondern ich meine die Fähigkeit zur Selbstentwicklung, auch den Willen zur Selbstentwicklung. Letzteren kann man vor allem abtrainieren, von Kindheit an. Und das ist das, was ich am meisten bedauere. Deswegen ist wahrscheinlich Investition in Bildung das Lohnendste an der Sache. Aber beginnen kann es dann sicher erst, wenn man etwas mit Bewusstsein, also im höheren Alter, umstellen will.

AS | Hast Du eine solche Umstellung erlebt?

KMD | Wir haben das auch erlebt. Wir kamen in ein Unternehmen, wo man bis kurz vorher noch mit Befehl und Gehorsam gearbeitet hatte, so wie das ja immer noch üblich ist. Es wirkte ganz nett, das muss ja nicht unfreundlich geschehen. Aber es lief immer nach dem Prinzip: „Du machst jetzt das und gehst dahin und ich komme dann und kontrolliere“. Es gab dort Leute, die schon in verantwortlichem Status waren, wenn auch hierarchisch nicht ganz oben. Sie kamen damit sehr gut aus, waren sehr erfolgreich. Und jetzt wurde in diesem Unternehmen die Eigenständigkeit propagiert, ich hätte beinahe gesagt: eingeführt. Ja, sie wurde eingeführt, indem diesen Leuten eine bestimmte übergeordnete Instanz weggenommen wurde. Das führte auch zu einer gewissen Verängstigung. Die Einen sagten: „Großartig, ich kann jetzt alles selbst entscheiden!“. Gleichzeitig sagten dieselben Leute: „Huch, ich weiß gar nicht, wie das geht!“. Dabei hat es viel weniger Leute gegeben, die das nicht geschafft haben, als man befürchtet hatte. Denn allmählich merkte doch fast jeder: „Das ist es, was ich eigentlich will“. Wir hatten eine ältere Frau in einem Seminar, die war da sehr resistent. Wir verstanden uns gut mit ihr, aber sie sagte stets: „Nein, das geht nicht“. Am letzten Tag meinte sie, jetzt habe  sie etwas kapiert, jetzt habe sie verstanden, wie sie mit ihrem Mann hätte umgehen müssen, von dem sie seit vielen Jahren geschieden war“. Also, das war doch ein kleiner Erfolg, würde ich sagen, nicht für uns, sondern für sie.

AS | Was hindert Menschen daran, sich auf den Weg zu machen? Ich höre oft das Argument des Zeitdrucks.

KMD | Nein. Nein, Zeitdruck ist kein Hinderungsgrund, aber es wird manchmal so gesehen: „Also, wir haben keine Zeit, jetzt muss doch gesagt werden: So und so und so wird’s gemacht!“ Bei Licht betrachtet ginge der Zeitdruck sogar weg, wenn jeder selbst sieht, wie er es zu machen hat. Dazu gehört ja u. a. auch, dass er sich mit anderen abstimmt und nicht nur einfach seine Schiene fährt. Letzteres ist nicht Dialogisch, das ist nicht eigenständig im Sinne des Ganzen, sondern bloß eigenwillig.

AS | Was zeichnet das Dialogische aus?

KMD | Dialog heißt, jeder bringt seine Fähigkeiten ein. „Eigenständig“ im Sinne des Ganzen, nicht „eigenwillig“. Oder anders ausgedrückt: Das Ganze entsteht durch das Zusammenwirken der Einzelnen, ein mit viel Bewusstsein durchtränktes Zusammenwirken der Einzelnen. Dabei verändert und erweitert sich das Ganze ständig. Das ist auch die Chance eines Unternehmens, das in Entwicklung bleiben will. Sonst müsste ja immer einer da sein, der das Ganze neu definiert. Das ist ja durchaus häufig noch der Fall. Dann hat man es einmal definiert und merkt gar nicht, wie es schon wieder veraltet ist. Das geht ja heute sehr schnell.

AS | Viele Menschen meinen Dialogische Kultur oder Dialogische Führung sei etwas, was man methodisch lernen kann ...

KMD | Hm. Ja, man kann natürlich hinterher schon draufgucken und sich fragen: Was habe ich denn gemacht? Da kann man dann schon bestimmte Maßnahmen ausmachen. Aber es hat keinen Sinn, diese Maßnahmen als Maßnahmen zu erlernen. Also, es ist keine Führungsmethode, überhaupt nicht. Es gibt auch keine Tool-Box („Was mache ich, wenn …?“). Sondern es ist eine Haltung, das Dialogische ist eine Haltung. Es gibt hilfsweise die vier Dialogischen Prozesse, vier unterschiedliche Haltungen oder Richtungen, an die man denken kann, die man zu Prozessen ausarbeiten kann, aber was ich dann wirklich mache, wie ich konkret handle, das ist Sache des Einzelnen. Es ist eine der Schwierigkeiten, das vorab klarzumachen.

AS | Wie sähe eine gelungene Dialogische Kultur aus?

KMD | Das Dialogische Paradies kann es gar nicht geben. Irgendeiner spinnt immer, in jedem Zusammenhang. Das wissen wir ja. Wenn dieser geht (man den entfernt), kommt der nächste, der diese Rolle übernimmt. Vor allem gibt es immer wieder Neue, Junge, die noch nicht wissen, wie es läuft. Die müssen sich erst eingewöhnen. Und wenn sie sich eingewöhnt haben, wenn sie sehen, wie es läuft, dann kommen schon wieder die Nächsten. Und dann gibt es Leute, die schwach sind. Die trauen sich nicht oder bringen es nicht mehr, mit denen muss man ja auch angemessen umgehen. Das muss man ja auch verstehen.

AS | Du siehst also Grenzen des Dialogischen?

KMD | Eine strikte Grenze ist, wenn sich jemand der Eigenständigkeit entweder bewusst verweigert oder nicht gewachsen zeigt. Dann gibt es natürlich Eigenständigkeit auch in kleineren Verhältnissen. Jeder kann einen gewissen Grad an Eigenständigkeit erwerben, z. B. durch sogenannte „Kompetenzen“. Das sind meistens begrenzte Sachen, aber das geht eigentlich fast immer. Dass einer nicht in der Lage wäre, irgendeine Kompetenz zu erwerben, ist mir jedenfalls noch nicht begegnet. Eine Grenze für die Ausbildung einer echten Dialogischen Kultur sehe ich darin, dass nicht genügend Bereitschaft dazu vorhanden ist. Wo immer die Bereitschaft herkommen mag, aus dem Blick nach vorn oder aus einem Leiden aus der Vergangenheit. Wenn einer nun nicht will, dann soll er es doch bleiben lassen. Man muss das ja nicht machen. An diesem Willen und an der Bereitschaft sind Grenzen, aber Fähigkeitsgrenzen sehe ich nicht. Es kommt ja nicht auf die Fähigkeit an, die ich jetzt mitbringe, sondern auf die, die ich bereit und willens bin, mir im Prozess zu erwerben.

AS | Was würdest Du zu der These sagen, dass die Dialogische Kultur die entscheidende Antwort auf das postfaktische Zeitalter ist?

KMD | Oh, zweierlei! Erstens: Ob es die Antwort ist, weiß ich nicht. Ob es auf das postfaktische Zeitalter eine vernunftdurchsetzte Antwort geben kann, weiß ich auch nicht, weil hier die Abwesenheit von Vernunft, nein, die Kontravernunft bereits um sich schlägt. In meiner ganzen Studienzeit war es so, dass sich allmählich die Ansicht durchsetzte, es gebe keine „Wahrheit“. Das fand ich immer nett, weil es ja ein Selbstwiderspruch ist. Aber man konnte sich immerhin noch über was gedanklich streiten. Mit Leuten, die sagen: „Na, wenn schon, interessiert mich nicht!“, kann man nicht mehr streiten. Das halte ich für sehr gefährlich. Hier tut sich ein Abgrund auf. Ob Obama Amerikaner ist oder nicht, „das interessiert mich gar nicht. Für mich ist er jedenfalls keiner!“ Das ist ja das, was da jetzt so durchkommt. Das halte ich für abgrundtief gefährlich. Und wenn die Dialogische Voraussetzung ist, dass ich eigenständig an etwas rangehe, dann ist da bereits nichts mehr zu machen. Aber mit dieser Frage bin ich auch erst seit ein paar Wochen konfrontiert.

AS | Und was ist die zweite Antwort?

KMD | Die andere Antwort, die positiv ausfällt, ist die: Wenn wir das von außen ansehen als „Nicht-Verstrickte“ und merken, dass sich die Anderen aktiv missachten, dann kann ich sagen, da gibt es noch etwas anderes und zwar das Gegenteil. Und das Dialogische ist ein entscheidendes Mittel, um die Sache zu drehen. Dabei geht es nicht um ewige Wahrheiten, aber um das aktive Suchen nach Wahrheit, um ein Bemühen, die Wirklichkeit zu erschließen. Schon Lessing hat sich in seiner Parabel über die Suche nach Wahrheit 1778 so geäußert, dass er den immer regen Trieb danach dem Besitz aller Wahrheit vorziehen würde. Den Menschen zeichne gerade die aufrichtige Mühe, hinter die Wahrheit zu kommen, aus, nicht der Besitz derselben. Aber der Weg zur Wirklichkeit setzt ja auch voraus, dass es die Wahrheit gibt, auch wenn ich sie nicht haben kann. Im Dialogischen lässt sich beschreiben, was ich tun kann, damit eine radikale Wende heute gelingt, z.B. durch Individuelle Begegnung und die anderen Dialogischen Prozesse.