Wie sich eine Dialog-Rezeptur mischen lässt

Die Dialogische Kultur lebt entscheidend davon, dass unterschiedliche Menschen sie entsprechend ihrer jeweiligen Arbeits- und Lebenszusammenhänge individuell entwickeln. Das kann mannigfaltige Ausgestaltungsformen annehmen. Daher sind wir sehr daran interessiert zu erfahren, wie sich andere Menschen, die wir noch nicht persönlich kennen, mit der Dialogischen Kultur befassen und diese ggf. aufzugreifen versuchen. Eine Recherche im Netz kann dabei Entdeckungen zutage fördern, bei denen man sein blaues Wunder erlebt. Da findet sich z.B. der vom Thema her anregende Fachbeitrag der Schweizer Heilpädagoginnen Regina Jenni und Christine Schmid-Maibach mit dem Titel: Eltern wollen das Beste für ihr Kind! Fachleute auch. Grundzüge einer prozessorientierten Dialogkultur zwischen Eltern und Fachleuten.[1] Die Autorinnen setzen sich mit der Frage auseinander, wie in der Heilpädagogischen Früherziehung (HFE) in der Schweiz eine fruchtbare Zusammenarbeit der Fachleute mit den Eltern sowie eine interdisziplinäre Zusammenarbeit entwickelt werden könne. Denn die HFE in der Schweiz ist, anders als die Frühförderung in Deutschland, nicht interdisziplinär angelegt. Für Jenni und Schmid-Maibach steht die Ausbildung einer „dialogischen Grundhaltung“ im Mittelpunkt: „Abgeleitet von Böhm (2008)[2] und Dietz (2010)[3] verstehen wir unter der dialogischen Grundhaltung, dass man in einem Prozess eine gemeinsame Wirklichkeit entstehen lässt. Als Fachperson nehmen wir die Aussagen und Handlungen unseres Gegenübers offen auf (in der Schwebe lassen) und bemühen uns als Erstes um Verständnis. […] Schritt für Schritt entsteht so eine neue gemeinsame Wirklichkeit, welche zu einer koordinierten Ausrichtung in Bezug auf mögliche gemeinsame Ziele führen kann“ (S. 139f). – Hier reibt man sich mehrfach die Augen: Böhm? Haben die Autorinnen nicht bemerkt, dass sie den Namen von David Bohm, einem der bekanntesten Dialog-Denker, verunstaltet haben? Sicherlich ein Flüchtigkeitsfehler, aber sonderbar, derselbe Fehler taucht in der Literaturangabe wieder auf. Böhm und Dietz? Ist das in dem Sinne gemeint wie Bohm und Isaacs oder Bohm und Hartkemeyer? Sowohl William Isaacs als auch Martina, Johannes und Tobias Hartkemeyer wie auch eine ganze Reihe weiterer Autoren knüpfen in ihrer eigenen Dialogarbeit explizit an David Bohm an, nicht aber Karl-Martin Dietz. Meines Wissens wird hier zum ersten Mal eine direkte inhaltliche Verbindung gezogen zwischen den beiden an sich unterschiedlichen Dialogverständnissen von Bohm und Dietz. Offensichtlich kommt es den Autorinnen auf solche Unterscheidungen aber gar nicht an. Sie suchen nach geeigneten Orientierungen und heben dabei solche Aspekte hervor, durch die sich tatsächlich sinnvolle Anknüpfungspunkte zwischen beiden Dialogansätzen finden lassen: die Überwindung der subjektiven Meinung, das Bemühen um Verständnis und – wenn man es großzügig auslegt – die Suche nach Wirklichkeit. 

Dass es Jenni und Schmid-Maibach mit einer so beschriebenen dialogischen Grundhaltung ernst meinen, zeigen sie bereits zuvor in ihrem Aufsatz, wenn sie den Fachpersonen der Heilpädagogischen Frühförderung kritisch auf den Zahn fühlen: Wann werden Eltern in der Zusammenarbeit als „schwierig“ bezeichnet? Das „Schwierigsein“ der Eltern sollte als Hinweis genommen werden, die gegenseitigen Erwartungen und gemeinsamen Ziele zu überprüfen. Im Vordergrund sollte das Verstehen-Wollen des „Andersseins“ der Eltern stehen, nicht deren Veränderung (vgl. S. 136). Wie sich eine solche Grundhaltung praktisch auswirkt, erläutern sie nachvollziehbar an zwei Fallbeispielen, an denen sich zeigt: Die Eltern prägen mit ihren jeweiligen Fähigkeiten und Erfahrungen die Form und das Ausmaß der interdisziplinären Zusammenarbeit ganz entscheidend mit (vgl. S.139). – Alles in allem ein konstruktiver Beitrag, der Felder für eine dialogische Haltung in der Heilpädagogik aufzeigt.  

Soweit so gut, wenn da nicht von Christine Schmid-Maibach zugleich ein Arbeitspapier auf ihrer Website veröffentlicht wäre, in dem sie jegliche Regeln des wissenschaftlichen Zitierens und damit Autorenrechte missachtet! Denn ihr Arbeitspapier zum Thema „Der Dialog und seine Elemente“ besteht wohl nahezu ausschließlich aus Paraphrasierungen oder Zitaten aus den beiden schon genannten Dialog-Büchern von David Bohm und Karl-Martin Dietz. Nach dem Motto, man nehme vier Teile von Bohm, mische vereinzelt Dietz-Gewürz dazu und füge am Schluss noch einen Teil von Dietz bei, mischt sie eine vermeintliche Schmid-Maibachsche Dialog-Rezeptur. Da hilft es auch nichts, wenn sie am Ende die beiden Literaturangaben macht. (Bohm wird abermals fehlerhaft mit „Böhm“ bezeichnet!). Wie soll der Leser ahnen, dass er in dem Arbeitspapier nicht Schmid-Maibach, sondern weitgehend Textauszüge von Bohm und Dietz vor sich hat? Nur an einer Stelle gegen Ende des Papiers trifft die Autorin eine Unterscheidung: Für Gespräche im beruflichen Alltag sei der Dialog im Sinne von „Böhm“ (!) nur beschränkt möglich, da er keine Ziele verfolge, keine Entscheidungen getroffen werden und es auch keine Traktandenliste gebe. Für diesen Bereich sei vor allem eine „dialogische Grundhaltung“ hilfreich. Leider verrät sie nicht, dass sie zur weiteren Erläuterung auf die Haltungen des Dialogischen zurückgreift, wie sie Dietz in seinem Dialog-Buch beschrieben hat…   



[1] Erschienen in: Lilith König, Hans Weiß (Hrsg.): Anerkennung und Teilhabe für entwicklungsgefährdete Kinder. Leitideen in der Interdisziplinären Frühförderung. Stuttgart 2015, S. 131-141.

Zugleich veröffentlicht auf der Website von Christine Schmid-Maibach unter: http://www.schmid-maibach.ch/media/Texte/1504_Artikel_Eltern%20wollen%20das%20Beste.PDF

[2] David Bohm: Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion. Stuttgart 2008.

[3] Karl-Martin Dietz: Dialog. Die Kunst der Zusammenarbeit. Heidelberg, 3. Aufl. 2010.