VUCA: äußere Beschreibung einer Sache, die von innen gesehen bewusste Aufmerksamkeits- und Fähigkeitsbildung fordert

Ich war gerade dabei, den Inhalt meines letzten Thementags zur Dialogischen Kultur „Führen in der VUCA-Welt“ schriftlich zu fassen, da brach in Form der Corona-Pandemie mit wenig Vorwarnung plötzlich eben diese VUCA-Welt in neuem Ausmaß herein.

Von VUCA sprach man bisher vor allem im Management, und darüber ging ja auch unser Thementag im Januar. Entstanden ist dieser Ausdruck in den 1990er Jahren in der amerikanischen Militärakademie nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und bezeichnete die Situation, als innerhalb kurzer Zeit der „Feind“ verschwunden war, mit dem man doch Jahrzehnte so klar hatte leben können. Jetzt empfand man dann die Situation 1. als dynamisch (volatility), 2. als sich sicheren Voraussagen entziehend (uncertainty), 3. als undurchschaubar (complexity) und 4. als uneindeutig (ambiguity). Plötzlich zeigte sich: In dieser Situation befindet sich nicht nur seit längerem die Weltwirtschaft, sondern heute, von einem Tag auf den andern, auch jeder Einzelne persönlich, überall!

– Zunächst schien das eine isolierbare Epidemie in einer chinesischen Provinz, plötzlich stellt es sich als Pandemie heraus und verbreitet sich blitzschnell weltweit (volatility). Wer diese Pandemie zunächst locker an sich vorbeiziehen lassen wollte, wie z.B. der amerikanische Präsident, geriet dann plötzlich in ihren Mittelpunkt. Scheinbar infektionsfreie Gebiete erwiesen sich plötzlich als hoch verseucht. Es war nur nicht gemessen worden. Die absoluten Zahlen der Erkrankten und der Gestorbenen steigen Tag für Tag. Aber das allein sagt noch nicht viel. Man muss den Verlauf der Kurve beobachten (ambiguity). Völlig unklar ist heute, ob das in rascher Folge aufgetretene Virus die einzelnen Gesellschaften (Nationen) dazu bringt, zu kooperieren – oder im Gegenteil: sich gegeneinander auszuspielen. Beides ist ja bisher zu beobachten, und es bleibt unsicher (uncertainty), wie das ausgeht. Überhaupt spielt da im Sinne von Komplexität vieles ineinander: medizinische Aspekte (Isolierung!), soziale Aspekte (Zusammenhalten!), wirtschaftliche Aspekte (selbst ein nicht lange anhaltender shut down kann eine Volkswirtschaft ruinieren). Niemand kann sicher voraussagen, wann die Kontaktbeschränkungen wieder aufgelöst werden können, ohne dass es erneut zu einer epidemischen Katastrophe kommt. Niemand kann auch jetzt schon wissen, wie das soziale und vor allem das wirtschaftliche Leben nach der Krise aussehen wird. 

Eine Situation wie diese führt zu extremen seelischen Bewegungen in zwei Richtungen: Leichtsinn und Angst. Die Einen verlieren alle innere Sicherheit, die Anderen erstarren in ihren Meinungen. Die Mehrdeutigkeit (ambiguity) der Erscheinungen macht vielen Menschen zu schaffen. Sie würden gerne deutlicher sehen, worauf es hinausläuft. Andererseits gibt es gute Gründe dafür, dass ein Leben in „Eindeutigkeiten“ in eine gefährliche Starrheit führen kann, mit der Neigung zum Totalitären. „Ambiguitätstoleranz“ galt deshalb schon lange vor der Krise als eine Tugend, die man sich erwerben sollte, wenn man sie nicht bereits hat. Vereindeutigung der Welt bezeichnet hingegen „ein Weniger an Bedeutung, an Ambiguität und Vielfalt in allen Lebensbereichen“, schreibt Thomas Bauer (Die Vereindeutigung der Welt, Stuttgart 2018).

Wenn wir uns also fragen: Was „lernen“ wir aus dieser Krise, dann wird da im Laufe der Zeit vieles zusammenkommen. Ein erstes Moment ist jedoch das eben erwähnte: Man erlebt plötzlich die Schwierigkeit, mit Situationen umzugehen, die schon aufgrund der Uneindeutigkeit ihrer Phänomene Angst erzeugen. Unbeherrschbare Angst aber bewirkt auch noch den Verlust eines letzten Restes von Souveränität. Zum Beispiel im Denken: Man kann keine Erkenntnisurteile mehr fällen, die nicht von der Angst „gefärbt“ sind. Das Gefühlsleben ist wie eingefroren und der Wille scheint wie gelähmt. Die drei Seelenkräfte, Denken, Fühlen und Wollen, verlieren ihre Zusammenhänglichkeit, so dass sie schwer zu führen sind. Sie bestimmen das Subjekt mehr als umgekehrt, und losgerissen erstarren sie jede für sich. Das macht hilflos!

Vielleicht kann man ahnen: Die vier VUCA-Herausforderunge sind scheinbar Eigenschaften der Außenwelt. Mir erscheinen sie aber als Herausforderungen meines eigenen Seelenlebens. Wenn mir der Wechsel der Situationen zu schnell geht, die Welt zu „dynamisch“ ist (volatility), dann kann das doch auch heißen: Ich bin eben zu unbeweglich. Ich lasse mich von der Plötzlichkeit von Ereignissen handlungsunfähig machen. Hätte ich vielleicht doch damit rechnen können? Wenn etwas nicht „in mein Weltbild passt“, könnte es ja auch an meinem Weltbild liegen.

– Dass der Ausgang der Situation, in der wir uns bewegen, „ungewiss“ ist, gilt eigentlich für alles, was in der Zukunft liegt. Gibt es vielleicht Fähigkeiten, die verstärkt werden können, um mit der ohnehin offenen Zukunft besser umgehen zu können? – Auf Komplexität reagiert man gerne mit Komplexitätsreduktion, Vereinfachung. Aber dadurch wird die Komplexität als solche nicht geringer. Geringer wird nur, was man von ihr bemerkt. Also keine wirkliche Abhilfe! Hilft es vielleicht eher, eine Situation in der Beurteilung offen zu lassen bis sich Sicherheit von selbst einstellt oder die Zeit dafür reif ist?

Überlegungen dieser Art haben mich veranlasst, eine kleine Schrift fertigzustellen, die danach fragt, was die Dialogische Kultur zu den aktuellen Problemen der VUCA-Welt beitragen kann. Sie geht jetzt in den Druck und wird im September erscheinen.

Karl-Martin Dietz