Selbstführung im Zeitalter der Digitalisierung 

| Inklusion als Herausforderung an die Selbstführung

... Angelika Sandtmann (von Paula Kühne)

PK | Frau Sandtmann, Sie werden als erste Referentin der 3. Reihe der Studientage am 21. Oktober 2017 die Herausforderungen der „Selbstführung“ in zwei Lebensbereichen thematisieren, die das Alltagsleben direkt betreffen. Wir beginnen mit dem Vormittagsthema „Selbstführung im Zeitalter der Digitalisierung“. Können Sie uns sagen, warum Sie das Thema „Selbstführung“ in einen Zusammenhang bringen mit der Digitalisierung als einem Zeitphänomen, das unser Leben bereits jetzt wesentlich prägt? Warum haben Sie genau dieses Thema ausgewählt? Könnte man nicht vermuten, dass gerade die Digitalisierung uns ermöglicht, bestimmte Tätigkeiten, die wir „selbst“ ausüben, an Maschinen abzugeben?

Angelika Sandtmann | Es geht heute nicht mehr nur darum, dass wir bestimmte Tätigkeiten an Maschinen abgeben, was das Leben ja durchaus erleichtern kann. Je stärker die Digitalisierung aller Lebensbereiche voranschreitet, desto stärker erfasst sie mittlerweile auch den „inneren“ Menschen. Sie beeinflusst subtil unser Denken, Fühlen und Handeln. Im Umgang mit den sozialen Medien machen wir uns beispielsweise oft selbst zum Überwachungsobjekt. Frank Schirrmacher bezeichnete unsere Gegenwart einmal als neue digitale Planwirtschaft, in der das Gesetz der Maschine herrsche, nach welchem sich auch Gedanken berechnen, bewerten und verkaufen ließen. Kritiker warnen nicht zu Unrecht vor einem schleichenden Autonomieverlust des Menschen. Welche besonderen Anforderungen dies an die Selbstführung stellt, soll am Vormittag des Studientags zur Sprache kommen.  

 

PK | Was verstehen Sie denn unter „Selbstführung“, wenn Sie den Begriff in Ihrer Ankündigung abgrenzen von dem der „Selbstoptimierung“?

AS | Unter Selbstführung verstehe ich ein aktives, bewusstes Verhältnis zu mir selbst und zur Welt. Das schließt den Wunsch ein, Zusammenhänge zu verstehen, Bestehendes zu hinterfragen und mich selbst zu befähigen. Das Paradoxe an der Selbstführung ist aber, dass ich nicht planen kann, wohin ich mich führe. Weder halte ich an fixen Vorstellungen fest noch lasse ich mich einfach treiben. Vielmehr versuche ich mich zu orientieren und halte mich offen für das, was sich erst durch diese Aktivität zeigen kann. Demgegenüber ist die Selbstoptimierung stärker durch Zielvorstellungen geprägt. Hier habe ich ein Bild vor mir, wie ich werden möchte, und setze alles daran, dies zu erreichen. 

 

PK | Für den zweiten Teil der Veranstaltung haben Sie ein weiteres aktuelles Thema gewählt, das gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird: die Inklusion. Beabsichtigen Sie, nach der „Selbstführung“ für Menschen mit Behinderung zu fragen, oder betrifft das Thema eher diejenigen, die mit behinderten Menschen zusammenarbeiten?

AS | Das betrifft alle Menschen, jene mit Behinderung ebenso wie diejenigen, die mit ihnen zusammen arbeiten oder leben. In den jeweiligen Ausgestaltungsmöglichkeiten wird es individuelle Unterschiede geben. Ich sehe eine Riesenchance in der Behindertenrechtskonvention, die 2006 von den Vereinten Nationen beschlossen wurde und 2008 in Kraft getreten ist. Hier wird endlich Ernst gemacht damit, dass die allgemeinen Menschenrechte auch für Menschen mit Behinderung gelten, die bisher in der Gesellschaft überwiegend in ihrer Gruppenzugehörigkeit und weniger als individuelle Menschen wahrgenommen wurden. Die UN-Konvention erläutert ausführlich, was das Recht behinderter Menschen auf Selbstbestimmung und Teilhabe für die verschiedenen Lebensbereiche bedeutet. Das ist aber mit sehr hohen Anforderungen verbunden und leider gibt es genügend Beispiele, wie Inklusionsversuche kläglich gescheitert sind. Gerade in der Bildungspolitik wurden hier gravierende Fehler gemacht. Aber auch bei besseren Rahmenbedingungen bedarf es noch vieler gemeinsamer Lernprozesse, die ohne Ausbildung von Selbstführungsfähigkeiten bei allen Beteiligten kaum gelingen werden.

 

PK | Welche Bedeutung schreiben Sie dem Thema „Selbstführung“ in Hinblick auf die Institutionen zu, die Menschen mit Behinderung betreuen? Welche Rolle wird das Thema zukünftig für diese Einrichtungen spielen?

AS | Eine sehr große. Die Institutionen sind besonders herausgefordert, bisherige Paradigmen im Umgang mit Menschen mit Behinderung zu hinterfragen. Es muss den Institutionen darum gehen, Menschen mit Behinderung darin zu unterstützen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.

 

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